Gütersloh, 01. Juni 2026 – Der wertkreis Gütersloh wird den Kiebitzhof-Laden zum 24. Juli 2026 schließen. Gleichzeitig endet auch der bisherige Bäckereiverkauf im Ladenbereich. Grundlage ist ein entsprechender Beschluss des Aufsichtsrates. Der Kiebitzhof - eine Zweigwerkstatt des WfbM-Bereichs von wertkreis Gütersloh - bleibt dabei aber bestehen. Gemüsebau, Konservierung, Reithalle und Landwirtschaft arbeiten regulär weiter. Auch das Maifest am Kiebitzhof soll 2027 wieder stattfinden.
Produkte des Kiebitzhofs bleiben ebenfalls wie bisher über Handelspartner im Groß- und Einzelhandel erhältlich. Aktuell werden 91,8% des Gesamtvolumens der auf dem Kiebitzhof hergestellten Lebensmittel im Groß- und Einzelhandel verkauft. Verkäufe im Kiebitzhofladen machten zuletzt nur noch 8,2 Prozent aus. Ausgewählte Produkte werden ab August auf dem Kiebitzhof über einen Selbstbedienungsautomat angeboten.
Für die beiden verbleibenden hauptamtlichen Mitarbeitenden im Ladenbereich werden alternative Beschäftigungsmöglichkeiten innerhalb des Unternehmensverbunds geschaffen. Betriebsbedingte Kündigungen werden vermieden.
Die Entscheidung zur Schließung wurde nach längerer Prüfung getroffen. In den vergangenen Monaten wurden unterschiedliche Betriebs- und Nutzungskonzepte untersucht – darunter auch alternative gastronomische oder geförderte Modelle. Für keines dieser Konzepte ließ sich jedoch unter den aktuellen Rahmenbedingungen eine dauerhaft wirtschaftliche Perspektive entwickeln. „Uns war wichtig, diese Entscheidungen nicht vorschnell zu treffen“, erklärt Geschäftsführer Emilio Bellucci. „Gleichzeitig tragen wir Verantwortung dafür, unsere Angebote insgesamt verlässlich weiterzuentwickeln und Teilhabe langfristig abzusichern.“
Hintergrund
Hintergrund der Schließung ist vor allem der grundlegende Wandel des Biomarktes. Zwar wächst der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln in Deutschland insgesamt wieder deutlich. Rund 70 Prozent des Umsatzes entstehen inzwischen jedoch im klassischen Lebensmitteleinzelhandel – also in Supermärkten, Discountern und Drogeriemärkten mit eigenen Bio-Sortimenten. Kleine Bio-Fachgeschäfte geraten dadurch bundesweit zunehmend unter Druck. Hinzu kommen gestiegene Energie-, Personal- und Betriebskosten sowie veränderte Kaufgewohnheiten seit der Inflationsphase ab 2022. Die Lage des Ladens, eher am Stadtrand, verkompliziert die Situation noch weiter, da es in Gütersloh vielerorts näherliegende Alternativen für den Kauf von Bio-Produkte gibt.
„Wir bewegen uns mit dem Kiebitzhof-Laden in einem Marktsegment, das sich in den vergangenen Jahren massiv verändert hat“, erklärt Anne Drössler, Leiterin des Kiebitzhofs. „Ein kleiner Bio-Fachhandelsstandort mit eigener Produktion und den besonderen Anforderungen eines inklusiven Betriebsmodells lässt sich unter diesen Bedingungen immer schwerer wirtschaftlich betreiben. Umso dankbarer sind wir allen Menschen, die den Kiebitzhof über viele Jahre begleitet und unterstützt haben. Gerade in den vergangenen schwierigen Jahren haben viele Kundinnen und Kunden uns bewusst die Treue gehalten – auch nach Veränderungen im Sortiment, nach Verkleinerungen und in einer Zeit, in der sich der Biomarkt insgesamt stark verändert hat. Dieses Vertrauen und diese Verbundenheit bedeuten uns sehr viel.“
Bereits im Spätsommer 2025 war die bisherige Bäckerei-Struktur des Kiebitzhofs angepasst und als kleinere Manufakturlösung in den Laden integriert worden. Ziel war es, an diesem Ort die Teilhabeplätze so weit auszubauen, dass eine Refinanzierung des Backens als Angebot beruflicher Teilhabe möglich würde. Refinanziert ist ein Angebot über den Schlüssel 1:12 (Fachkraft zu WfbM- Beschäftigten). Leider konnte auch dieses Modell langfristig nicht ausreichend stabil entwickelt werden, sowohl was die Zahl der Werkstattbeschäftigten, als auch was interne und externe Absatzmöglichkeiten angeht. Die aktuell acht Werkstattbeschäftigten mit Behinderung, die hier tätig sind, erhalten im wertkreis neue Teilhabeangebote.
Ausblick
Der Laden-Standort selbst soll ab sofort stärker als bisher für Menschen mit Behinderung genutzt werden. „Hier sind wir bereits in Überlegungen und Abstimmungen. Angedacht ist derzeit etwa das Angebot arbeitsbegleitender Maßnahmen sowie Freizeit- und Begegnungsangebote für Menschen, die bei uns Assistenzleistungen in eigener Häuslichkeit erhalten. Hier fehlen Orte für Begegnung, Struktur und gemeinschaftliche Aktivitäten. Darüber hinaus wird überlegt, ob perspektivisch zusätzliche Teilhabeangebote für Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen an diesem Ort entstehen können,“ fasst Emilio Bellucci den aktuellen Stand zusammen.
Der Kiebitzhof bleibt ab sofort an Samstagen geschlossen, in dieser Woche wird der Laden Freitag und Samstag nicht öffnen.